Kommentar: Scrum-Master-Zertifikat – Wertvoll oder Wertlos?

Immer wieder tauchen die Diskussionen über die Werthaltigkeit der Zertifikate zum Scrum Master auf. Egal ob CSM (Scrum Alliance) oder PSM (scrum.org).

Diese nervige (!) Diskussion nehme ich zum Anlass, das Thema umfassend zu analysieren und zu kommentieren.

Frage: Was zertifiziert dieses Zertifikat eigentlich?

Antwort: Das Zertifikat weist nach, dass zum Zeitpunkt der Prüfung ein gewisses hohes (theoretisches) Wissen zum Scrum Guide beim Zertifikatinhaber vorhanden ist/war und innerhalb der Prüfungsbedingungen in ausreichender Menge nachgewiesen werden konnte.

Punkt. Aus. Ende.

Nicht mehr. Nicht weniger.

Das Zertikat sagt nicht aus, ob man ein guter oder schlechter Scrum Master ist. Es weißt keine praktische Erfahrungen aus. Nur das Grundverständnis des Scrum Guides. Hier liegt häufig das große Missverständnis vor.

Dazu zwei Analogien: Ist man (frischer) Besitzer eines Führerscheins, dann heißt es nicht, dass man ein guter Fahrer ist oder über ausreichend Fahrpraxis verfügt. Es sagt nur: theoretische und praktische Prüfung bestanden. Niemand würde sich sofort nach der Führerscheinprüfung hinter das Lenkrad klemmen und eine Weltreise starten. Nein. Sondern üben üben und üben. Praxiserfahrung sammeln. Übermut und Überschätzung kann hier tödlich enden ( 435 tote und 9.961 schwerverletzte Fahrer zwischen 18 und 24 [Quelle: 2016, Deutsche Verkehrswacht])

Auch im zweiten Beispiel kann es um Leben und Tod durch Überschätzung des Zertifikats gehen. Ich meine das „Seepferdchen“-Frühschwimmerabzeichen. Häufig legen es Kinder zwischen 5 und 10 Jahren ab. Nein, es attestiert nicht die Schwimmfähigkeit, sondern nur: Sprung ins Wasser und 25m irgendwie Überwasserhalten. Für einen unbetreuten Wasserspaß, egal ob Pool oder Meer, reicht es nicht aus.

Sollten wir also auf die Zertifikate verzichten, weil sie nicht genug Praxiskönnen zertifizieren? Ich denke nicht. Wir sollten die Zertifikate als einen ersten Schritt von vielen weiteren Schritten verstehen.

Einwurf: „Aber ohne Zertifikat bin ich doch nicht automatisch ein schlechter Scrum Master!“

Antwort: Korrekt.

Hier wird es spannend. Denn gerne werden diverse Gründe vorgeschoben, warum praktizierende Scrum Master ohne Scrum-Master-Zertifikat (egal ob CSM oder PSM) auf die Zertifizierung verzichten wollen: Keine Zeit – Schade um die Prüfungsgebühren – Zertifikate sind doof – blablabla. Es gibt eigentlich nur zwei handfeste Hindernisse: Die Theorie ist nicht sattelfest… ähm… prüfungsfest. Sollte aber nicht gerade der Scrum Master die Theorie in Form des Scrum Guides sehr gut kennen? Der andere Grund könnte die Sprachbarriere sein, da die Prüfung (zumindestens bei PSM von Scrum.org) auf Englisch ist.

Meine Meinung und Erfahrung: Scrum Master, die als Scrum Master tätig sind, aber kein Zertifikat nachweisen können, haben sich ihr (Halb-)Wissen häufig „irgendwie“ angeeignet oder wurden in die Rolle des Scrum Masters gedrängt („Du hast doch mal was über Scrum gelesen. Sei du jetzt unser Scrum Master“). Sie verbreiten häufig falsche Informationen zu Scrum im Scrum Team. Der Scrum Guide wird nicht so ernst genommen und es werden Anpassungen beliebig vorgenommen. Und wenn es dann nicht klappt mit der erfolgreichen Projektarbeit, dann ist Scrum schuld.

Challenge: Zeig was du drauf hast und mach die Scrum-Prüfung. Scrum.org verlangt keinen Teilnahme-Nachweis einer Schulung. Für 150$ kannst du den Test starten. In 60 Minuten sind 80 Fragen zu beantworten. Na, ist doch nicht so sattelfest dein Wissen, oder?

Zwischenfazit: Jemand ohne Zertifikat konnte nicht ein einziges (!) Mal ein Mindestmaß an Theoriewissen nachweisen. Der Projekterfolg bei der Umsetzung mit dem Scrum-Framework kann also durch fehlendes Wissen über das Rahmenwerk ziemlich in die Hose gehen. Ich würde auf solche unzertifzierten Scrum Master verzichten oder sie kurzfristig nachschulen und prüfen lassen.

Auch „Agile Coaches“ ohne einem Scrum Zertifikat sind „nur“ Agile Coaches, aber keine zertifizierten Scrum Master. Wer gut Go-Kart fährt ist noch lange nicht firm mit den Straßenverkehrsregeln.

Andersrum garantiert ein Zertifikat noch lange nicht, dass das Theoriewissen in die Praxis umgesetzt werden kann. Denn das ist der zweite Schritt. Jetzt sollte es in die Praxis gehen. Scrum-Teams betreuen und mit der Praxis konfrontiert sein. Dafür gibt es noch keine Zertifikate. Die weiterführenden Zertikate wie PSM2 deuten aber darauf hin, dass hier Fachkompetenz vorhanden ist.

Einwurf: „Aber unsere Personalabteilung kann doch gar nicht beurteilen, ob der Bewerber mit/ohne Scrum-Master-Zertifikat gut ist oder nicht.“

Antwort: Wenn die Personalabteilung darüber urteilen soll und nicht die Fachabteilung, in der der/die Mitarbeiter/in zukünftig arbeiten soll, dann liegt hier mehr im Argen, als nur die Bewertung eines Zertifikats. Ein Fachgespräch mit dem/r Bewerber/in sollte die Antwort ans Licht bringen. Das (fehlende) Scrum-Master-Zertifikat ist ein guter Aufhänger für ein Gespräch.

Man sollte sich nochmal den Satz aus dem Scrum-Guide vor Augen führen: „Scrum existiert nur in seiner Gesamtheit“. Dazu sollte man sich mit dem Scrum Guide ausführlich auseinander setzen und den Inhalt verstehen und widergeben können. Wenn es der Scrum-Master als Scrum-Experte im Scrum-Team nicht kann, wer soll es denn sonst können? Ich halte das theoretische Wissen als elementar für die Arbeit als Scrum Master. Denn daraus lässt sich dann das gesamte Portfolio für die Arbeit als Scrum-Master ableiten.

Zum Abschluss noch ein Appell: Ihr als erfahrene Scrum-Master und/oder Agile Coaches, redet bitte nicht die Zertifikate klein. Die Zertifikate sind der erste Zwischenschritt auf dem Weg zu einem professionellen, erfolgreichen Scrum Master. Die Scrum-Master-Newbies sollten durch uns Erfahrenen begleitet werden. Auch wir haben mal klein angefangen. Auf das theoretische Wissens wird in Zukunft gebaut. Ohne dieses theoretische Wissen wird das Konstrukt Scrum-Projekt auf ziemlich wackligen Füßen stehen. Die Theorie wird mit der Zertifikatsprüfung geprüft. Nicht mehr. Nicht weniger.

10 Kommentare zu „Kommentar: Scrum-Master-Zertifikat – Wertvoll oder Wertlos?

  1. Ja, die Argumente klingen gut. Aber ich will das differenzieren:
    Ohne nachweisbare Praxiserfahrung, finde ich Zertifikate hilfreich
    Wenn ja jemand (wie ich) fast 2 Jahrzehnte Erfahrung in seinem Berufsfeld mitbringt und dieses nachweist.. ist ein Zertifikat nicht hilfreich

    Aber für den Newbie , der erst am Anfang steht, ist es ein Mosaik von vielen und kann helfen
    Ihm selber, weil selbstsicherer und dem Team, weil er die Theorie kennt

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    1. Seit fast 20 Jahre als Scrum Master tätig? Respekt.
      Wenn man so viel Erfahrungen hat, gibt es da nicht den Ergeiz sich z.B. mit einem PSM2-Zertifikat von dem Heer an PSM1-Besitzer abzuheben? Wie hälst du es allgemein mit dem Thema Weiterbildung in dem Bereich?

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      1. Ohje Nein 🙄 Gab es 1998 schon Scrumteams? Ich schrieb „in seinem Berufsfeld“ Ist bei die IT SAP Beratung 😄🤣

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  2. Und noch ein Punkt: Für meine Person muss ich (ganz unabhängig von den zwei konkret angesprochenen Zertifikaten) eine Zertifikatsmüdigkeit feststellen. Mittlerweile gibt es eine derartige Inflation an Zertifikaten einschließlich des Zertifikats-Business bei dem die eigentliche Sache oft schon in den Hintergrund tritt. Man hat fast den Eindruck, dass Zertifikate mitunter zum Selbstzweck verkommen.

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  3. Die zwei Beispiele „aus dem Leben“ (Führerschein, Seepferdchen) hinken leider ein wenig beim Vergleich mit den Scrum-Zertifikaten: bei beiden muss (auch) eine praktische Prüfung abgelegt werden. Das fehlt mir bei unseren gängigen Zertifikten und darum sind sie aus meiner Sicht insgesamt nicht hilfreich.

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  4. Guter Artikel: stellt auch meine Sicht über Zertifikate dar!

    Zum letzten Kommentar: die zwei Beispiele „aus dem Leben“ hinken beim CSM nicht, da zum Zertifikat der Besuch und die aktive Teilnahme an einem entsprechenden Kurs durch entsprechend qualifizierte Trainer gefordert wird – und der Trainer kann das Zertifikat verweigern, wenn er entsprechende Lücken sieht… das ist ein Unterschied zwischen CSM und PSM.

    Wieso könnte auch für einen erfahrenen Profi aus der Praxis ein Zertifikat nützlich sein? Ich habe mein erstes Zertifikat abgelegt für eine Programmiersprache, in der ich schon jahrelang entwickelt habe. Ich empfand es extrem positiv, das Thema in meiner Vorbereitung auf die Prüfung allumfassend zu bearbeiten und wußte danach Antworten auf Fragen, die sich uns in der Praxis gelegentlich gestellt haben. Kapitel, die „eh klar sind“, konnte ich schneller durcharbeiten, bzw. überspringen.
    Und genau dieses allumfassende & sattelfeste Scrum-Wissen muss der Scrum Master ja haben!

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    1. Auch in einem CSM-Kurs geht es leider nur um Wissensvermittlung. Eine wirklichere Kompetenz kann in diesem Format gar nicht aufgebaut werden. (Und da kann das Format auch gar nichts dafür. 🤷‍♂️)
      Ich glaube auch nicht, dass ein Trainer einem zahlenden Kunden das Zertifikat „verweigert“ (auch wenn der Test das dann übernimmt).

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  5. Grundsätzlich finde ich das Zertifikat sehr gut. Wie schon angemerkt gibt es mittlerweile zu viele Anbieter solcher Zertifikate. Es geht ja hauptsächlich um die Inhalte wenn ich so einen Kurs mache, dieser muss einem dann auch im agilen Projektmanagement weiterhelfen.

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